Archiv der Hansestadt Lübeck

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Tektonik: 01 Regierung und Volksvertretung bis 1937
.Bestand: 01.3 - Bürgerschaft


Vorwort: Ein Archiv der alten, sich aus den einzelnen bürgerlichen Kollegien zusammensetzenden Bürgerschaft ist nicht erhalten, hat auch anscheinend nie bestanden. Die einzelnen selbstständigen Kollegien hatten ihre eigene Registratur (s. die Archive der einzelnen kaufmännischen Kollegien, Schiffergesellschaft). Um die nötigen Vorakten zu erhalten, ließ sich die 1848 neuerwählte Bürgerschaft von der Handelskammer neben einzelnen wenigen Akten der Schonenfahrer, die jetzt wieder ausgeschieden wurden und mit dem Schonenfahrerarchiv nach dessen Rückkehr wieder vereinigt werden sollen, das Archiv der Novgorodfahrerkollegiums überweisen.
Das Archiv der Novgorodfahrer war 1770 von A. F. Dehns verzeichnet und geordnet worden. Die älteren Akten bis ungefähr 1734 lagen damals bereits gebunden in 12 Lederbände, bezeichnet B bis N vor. Dehns hat den Inhalt dieser Bände blattweise in den beiden Bänden seines Repertoriums verzeichnet. Gleichzeitig nahm er in sein Repertorium die damals lose vorliegenden Akten mit auf, die er in die 5 Rubriken Acta Publica, Rat und Bürgerschaft, Commercium und Commercierende, Bürgerschaft und Polizeistationen ordnete. Beide Aktengruppen bilden den Bestand Bürgerschaft I. Da die gebundenen Akten nicht aufgelöst werden sollten und auch durch Dehns´ Repertorium erschlossen sind, wurden bei der Neubearbeitung 1951 nur die losen Akten in ihrer alten Ordnung verzeichnet. Die seit etwa 1770 geführten Akten waren mit neubeginnender Nummerierung später in Dehns 5 Rubriken hineingezwängt und zum Teil auch in dessen Repertorium nachgetragen worden. Dieser Bestand (Bürgerschaft II) wurde ebenfalls 1951von Olof Ahlers neu verzeichnet und durchlaufend nummeriert; erschlossen wird er durch ein zugleich angelegtes Sachregister.
Die 1848 neuerwählte Bürgerschaft legte ihre Akten nach einem 39 Sachabteilungen umfassenden Aktenplan ab mit durchgehender Nummerierung für die einzelnen Vorgänge innerhalb ihrer Abteilung (Bürgerschaft III). Ungefähr 1898 wurde ein neuer, vierstufiger Registraturplan eingeführt, dessen Signaturen aus einer Folge von Großbuchstaben, römischen und arabischen Ziffern bestehen. Die Akten dieser Registratur wurden 1950 dem Stadtarchiv auf Anforderung von der Rathausregistratur überwiesen. Die fehlenden Akten ließen sich im Rathaus bisher nicht auffinden. Die 1898 eingerichtete Registratur (Bürgerschaft IV) umfasst nicht nur das von diesem Zeitpunkt an erwachsene Schriftgut, sondern auch die Abteilungen 1. (Staatsverfassung), 2. (Senat), den größten Teil der Abteilung 3. (Bürgerschaft), vereinzelte Akten der übrigen Abteilungen der Bürgerschaft III, sowie Wählerlisten , Protokolle und verschiedene Verzeichnisse, reicht also in vielen Fällen bis 1848 zurück. Für die Zeit von 1848 bis 1898 sind daher beide Verzeichnisse heranzuziehen. Als Verzeichnis der Bürgerschaft IV dient das kurrent gemachte Aktenverzeichnis der Bürgerschaftskanzlei.
Bereits 1913 gab man den Registraturplan von 1898 auf. Der schriftliche Niederschlag der von der Bürgerschaft behandelten Angelegenheiten wurde seitdem einfach jahrgangsweise als sog. Sitzungsakten abgelegt. Weitergeführt wurden lediglich Akten über die inneren Angelegenheiten der Bürgerschaft (Akten der Kanzlei); ebenso sind Akten einzelner Ausschüsse der Bürgerschaft überliefert. Der vorige Bearbeiter hatte diese Akten zusammen mit älterem, damals noch unverzeichnetem Schriftgut am Schluss des Verzeichnisses Bürgerschaft IV nachgetragen, was allerdings sowohl den sachthematischen Zugriff als auch die Zitierweise erschwerte. Daher wurden die zwischen 1912/13 und 1933 angelegten Akten zu einem eigenen Bestand (Bürgerschaft V) formiert. Die Nachträge zu Bürgerschaft IV wurden aufgelöst, das vor 1913 erwachsene Schriftgut in die vorhandene Sachsystematik eingeordnet, Schriftgut, das in die Zeit nach 1913 fällt, generell dem Bestand Bürgerschaft V zugeschlagen. Gelegentliche zeitliche Überschneidungen zwischen beiden Beständen wurden durch Verweise aufgefangen.
Sitzungsprotokolle der Bürgerschaft und ihrer Ausschüsse nach Eingliederung in den preußischen Staatsverband (1937-1945 Ratsherren und Beiräte) bilden einen eigenen, gesondert verzeichneten Bestand (vgl. Repertorium 71³)

HL, April 1951/ O. Ahlers
April 1985/ H. Bickelmann

Das vorliegende Verzeichnis wurde 2011/2012 von Frau Julia Müller aus dem vorliegenden älteren Findbuch in Augias abgeschrieben. Eine nähere Überprüfung oder Ergänzung der Aktentitel in diesem Verzeichnis erfolgte dabei nicht.

Dr. Jan Lokers
April 2012


















Zeitraum von: 1418
Zeitraum bis: 1933
Inhalt: Auswärtiges, Staatsverfassung, Justiz, Polizei, Innere Verwaltung, Schulwesen, Verkehr, Gewerbe, Militär, Kirchenwesen, Wohltätigkeitsanstalten, Finanzen, Bauwesen, Zoll, Steuer, Gemeindeangelegenheiten
Erschließungszustand/Umfang: Verzeichnis (1951), Findbücher (ca.1960/Nachträge 1985), Datenbank
37,5 lfm
Benutzungsbeschränkung: keine
Verwandte Bestände: vgl. 1.1 Altes Senatsarchiv und 1.2 Neues Senatsarchiv
Verwaltungsgeschichte: a. Hinter dem Begriff Bürgerschaft verbergen sich im Lauf der Lübecker Verfassungsgeschichte unterschiedlich entstandene und unterschiedlich zuständige Gremien. Eine in der Verfassung verankerte und damit auch eine schriftliche Überlieferung erzeugende Funktion erreichte die Bürgerschaft erst seit 1669, als sie die in kaufmännischen Kollegien und Ämtern (Handwerkszünften) vereinigten Bürger, d.h. nur einen Bruchteil der Lübecker Bewohnerschaft, umfasste. Die Verfassung vom Dezember 1848 erweiterte den Kreis derjenigen, die das Bürgerrecht erwerben und damit auch das Wahlrecht ausüben konnten, aber erst die Verfassungsnovelle von 1920 ersetzte das Klassenwahlrecht, das 1902 eingeführt worden war, durch das allgemeine Wahlrecht. Die Verfassung von 1920 bestimmte dann das Volk zum Träger und Inhaber der Staatsgewalt. Gestützt auf das sog. Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 erließ die Reichsregierung das vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich vom 31. März 1933, wodurch die Landesregierungen, also in Lübeck der Senat, das Recht erhielten, ohne Zustimmung der Volksvertretung Gesetze zu erlassen. Damit war die Bürgerschaft ihrer eigentlichen Funktion entkleidet. Die letzte Sitzung fand im Juni 1933 statt.

b. Ein eigentliches Archiv der Bürgerschaft für die Zeit des 17. und 18. Jh. ist nicht vorhanden. In jedem der Kaufmännischen Archive (s.d.) finden sich, teils verquickt mit den eigentlichen Akten der Kollegien, teils als eigener bürgerschaftlicher Bestand erkennbar, Aktenvorgänge. Ob das Archiv der Schonenfahrer, welche Leitungsfunktion unter den Kollegien anstrebten, auch hinsichtlich der aktenmäßigen Dokumentation bürgerschaftlicher Aktivitäten als verantwortlich anzusehen ist, kann noch nicht beurteilt werden, ebenso wie auch die Wurzeln bürgerschaftlichen Wirkens vor 1669 noch nicht untersucht worden, aber z.T. in den älteren Archivbeständen der kaufmännischen Kollegien zu entdecken sind. Um die nötigen Vorakten zu erhalten, ließ sich die 1848 neuerwählte Bürgerschaft von den kaufmännischen Kollegien insbes. das Archiv der Novgorodfahrer überweisen. Dieses war 1770 von Adolf Friedrich Dehns verzeichnet und geordnet worden. Die älteren Akten bis ungefähr 1734 lagen damals bereits gebunden in 12 Lederbänden vor, die Dehns blattweise verzeichnete und durch die lose vorliegenden Akten ergänzte (= Bürgerschaft I). Die seit 1770 geführten Akten wurden 1951 von Olof Ahlers neu verzeichnet (= Bürgerschaft II). Die 1848 neu erwählte Bürgerschaft legte ihre Akten nach einem 39 Sachabteilungen umfassenden Aktenplan ab (= Bürgerschaft III). Um 1898 wurde ein neuer Aktenplan eingeführt, dessen Schriftgut (= Bürgerschaft IV), das 1950 ins Archiv gelangte, häufig noch in die Zeit davor reichte. Für die Zeit 1848-1898 sind also beide Verzeichnisse zu benutzen. 1913 gab man den Registraturplan von 1898 auf und legte die Unterlagen der in der Bürgerschaft behandelten Angelegenheiten jahrgangsweise als sog. Sitzungsakten ab. Nicht hinzu fügte man Akten der inneren Angelegenheiten der Bürgerschaft und Akten einzelner Ausschüsse. So war es notwendig, für diesen Bestand ein eigenes Verzeichnis 1913- 1933 (= Bürgerschaft V) anzulegen.




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