Archiv der Hansestadt Lübeck

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Tektonik: 05 Private Archive
. 05.2 Stiftungen
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...Bestand: 05.2-02 - Johannis-Jungfrauen-Kloster


Vorwort: Geschichte

1177 wurde im damals noch nicht bebauten Osten der Stadt das Johanniskloster in Anlehnung an das St. Aegidienkloster in Braunschweig von Bischof Heinrich I. in Lübeck als Zisterzienserkloster geweiht. Seit Anfang des 13. Jahrhunderts diente es auch der Aufnahme von Nonnen, wurde zum Doppelkloster. 1231 erfolgte die Versetzung der Mönche nach Cismar, aber erst nach längeren Streitigkeiten wurde die Klosterverlegung 1245 bestätigt und 1256 ein endgültiger Vergleich zwischen Cismar und dem Johanniskloster in Lübeck abgeschlossen. Dieses diente der Versorgung der unverheirateten Töchter der einflussreichen Bürger und des Landadels. So entstammten die Äbtissinnen häufig Ratsgeschlechtern. Während seiner Blütezeit von etwa 1250-1400 wurde das Johanniskloster mit umfangreichem Grundbesitz ausgestattet, vor allem in Holstein, aber auch in Lauenburg, der teilweise im Vergleich von 1747 verloren ging, und in Mecklenburg. Um 1800 verfügte es insgesamt über 23 Dörfer oder Teile von ihnen, heute nur noch über Grundbesitz im Schwinkenrader Forst.

Als geistlicher Ausstrahlungspunkt stand das Johanniskloster allerdings hinter den beiden Bettelordensklöstern der Stadt, dem Burgkloster und dem Katharinenkloster, zurück. Der Einführung der Reformation 1531 in Lübeck entzog es sich. Erst 1574 wurde eine neue Ordnung erlassen und 1577 ein evangelischer Prediger eingesetzt. Das Kloster diente seitdem der Unterbringung von 24 Bürgertöchtern, denen bis etwa 1670 die Unterweisung junger Mädchen im Sinne der lutherischen Lehre und die Vorbereitung auf den Beruf als Ehefrau übertragen waren. Der Versuch um die Mitte des 17. Jahrhunderts, vor dem Reichskammergericht die Reichsunmittelbarkeit des Klosters durchzusetzen, schlug fehl. Das St. Johannis-Jungfrauenkloster blieb eine der ersten Versorgungsanstalten der Stadt.

Durch den Reichsdeputationshauptschluß 1803 wurde es der staatlichen Verwaltung unterstellt und entging daher der Auflösung durch die Franzosen 1806. Es verlor damit aber seinen Charakter als Staat im Staate, denn nun regelten zwei Ratsherren - zwei Bürgermeister waren bis dahin nur in beratender Funktion tätig gewesen - als Obervorsteher und einige bürgerliche Vertreter als Vorsteher die Geschicke des Klosters. Die Jahre 1802-1806 brachten dem Güterbesitz des Klosters in seiner Hoheitszugehörigkeit entscheidende Veränderungen. Zu Beginn des Jahres 1802 kam es zwischen Dänemark-Holstein und Lübeck zu einem Vergleich, der 1806 vollzogen wurde. An Holstein fielen Dazendorf, Kaköhl, Kembs, Sulsdorf, Heringsdorf, Klötzin, Rellin, Bentfeld, Böbs, Schwochel und Schwinkenrade; an Lübeck fielen Dummerdorf, Kücknitz, Herrenwyk, Siems, Pöppendorf, Rönnau und Teutendorf. Wilmsdorf musst an Oldenburg (Fürstentum Lübeck) abgetreten werden. Mecklenburg erhielt die auf seinem Territorium liegenden Besitzungen. Die privatrechtliche Stellung der Einwohner der Johannisklosterdörfer wurde mit Vergleichen 1815 geregelt, d.h. auch die Naturalabgaben der Dörfer wurden in Geldzahlungen umgewandelt, infolgedessen auch die Ökonomie des Klosters abgeschafft und 1818 ein neues Statut für das Kloster erlassen.

Im Spätsommer des Jahres 1806 wurde die Klosterkirche abgerissen. Zu einer geplanten Neubebauung des zwei Hektar großen Klostergeländes kam es aus Finanzgründen nicht. Jedoch schnitt man in den 1840er Jahren den südlichen Teil einschließlich des Refektoriumgebäudes mit einer Mauer vom Klosterbereich im nördlichen Teil ab und nutzte ihn bis zum Ende des 19. Jahrhunderts für industrielle Zwecke. Um diese Zeit erzwangen die Anlage des Elbe-Lübeck-Kanals 1900 im Osten und die bauliche Entwicklung Lübecks eine Neuordnung des nördlichen Teils des Klostergrundstücks. Die Johannisstraße (heute Dr. Julius-Leber-Straße) wurde bis an die neuangelegte Kanalstraße verlängert. Auf ihrer Nordseite erhebt sich das heutige Gebäude des Johannis-Jungfrauenklosters von 1902, auf der südlichen Straßenseite das Gymnasium Johanneum, sowie daran südlich anschließend (und heute auch für Schulzwecke genutzt) das Gebäude der Feuerwehr (1906). Das JJK ist Altersheim und untersteht heute als Stiftung öffentlichen Rechts der Stadt.

Zum Archivbestand

Die archivalische Überlieferung des Johannisklosters besteht einerseits in einem umfangreichen Urkundenbestand mit Schwerpunkt im 13. Jahrhundert und dem heute 38 Regalmeter umfassenden Aktenbestand, dessen Chronologie mit zwei Kopiaren des 15. und 16. Jahrhunderts einsetzt. Der Bestand, insbesondere die umfangreiche Verwaltung des Landbesitzes enthaltend, wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von dem Klostervogt Dr. jur. Georg Wilhelm Dittmer gründlich geordnet, wovon die noch erhaltenen und späterhin fortgesetzten Verzeichnisbände (Nr. 2891-2896) zeugen. Auf deren Ordung beziehen sich auch die angegebenen Altsignaturen. Die Amtsbücher - wenn auch nicht grundsätzlich alle - sind im hinteren Teil des Bandes II zusammengefasst (Altsignatur: Bü Nr. 2892). Das große Interesse Dittmers für die historische Überlieferung des Klosters (er veröffentlichte mehrere juristische Abhandlungen darüber) ließ ihn auch für die physische Erhaltung des Bestandes durch Einrichtung eines Archivraums in den Klostergebäuden sorgen.

Seine Nachfolger nutzten das Ordnungssystem weiter, bis die Unterlagen 1874 an das Archiv gelangten. 1942 gehörten sie zu den kriegsbedingt in ein Salzbergwerk bei Bernburg/Sachsen-Anhalt ausgelagerten Lübecker Archivbeständen und machten die anschließende Odyssee durch Osteuropa mit. Erst 1987/90 und 1997 kehrten die Unterlagen, z.T. durch Wasserschäden beschädigt oder sogar dezimiert, nach Lübeck zurück. 1974 lieferte die Altersheimverwaltung Archivalien ab, deren Inhalt etwa von 1900-1960 reichte, worunter sich allerdings auch noch ältere Stücke befanden.

1997 begann der Archivinspektoranwärter Hans Henning Freitag mit der Neuaufnahme des Bestandes, angelehnt an die Dittmersche Ordnung, aber etwas erweitert. Fortgeführt wurde die Verzeichnung durch die Archivoberinspektorin Meike Kruse bis ca. 2005, die nun schließlich von der Unterzeichneten im Jahr 2013 beendet worden ist.

Grundsätzlich geschah die Neuordnung in Anlehnung an die Dittmerschen Verzeichnisse, nur hier und da, z.B. beim Rechnungswesen, wurde das System etwas erweitert. Die Verwaltung des Landbesitzes weist noch fast ganz die Dittmersche Ordnung auf. Die hier nun einmal sehr differenziert begonnene Gliederung von Freitag musste übernommen werden. Vielfach war die ursprüngliche Ordnung gestört und konnte nicht rekonstruiert werden. Auch ließen sich bei den ungeordneten Resten nicht immer klar die Provenienzen Johannis-Jungfrauenkloster und Altes Senatsarchiv, Ecclesiastica, JJK, von einander trennen.

Während die Protokolle, die Aufzeichnungen der Vögte und ähnliche Unterlagen einen sehr guten Blick in Verwaltung und Rechtsprechung des Klosters erlauben, weisen die Aufstellungen über die bäuerlichen Abgaben umfangreiche Informationen zu seiner Wirtschaftsführung auf (z.T. sogar bis ins 16. Jahrhundert zurückreichend). Die schriftliche Überlieferung des umfangreichen Landbesitzes in Ostholstein, die Dörfer auf Lübecker Territorium und die beiden Dörfer in Mecklenburg, stellen eine wichtige Ergänzung für die Geschichte nicht nur Lübecks, sondern auch darüber hinaus dar. Relativ wenig ist über die Konventualinnen zu erfahren, hier beginnt die konkrete Überlieferung erst im 19. Jh.

Für den Urkundenbestand ist die Abteilung Trese B 2 heranzuziehen; die Ecclesiastica des Alten Senatsarchivs (Abt. JJK) geben über die Senatsebene Auskunft; weiteres Material des 19. und 20. Jahrhunderts ist in den Beständen Centralarmendeputation bzw. Neues Senatsarchiv zu finden.
Umfang 38 lfd. m
Zitierweise JJK Nr….

Zur Konkordanz:
Die genannten Bezeichnungen verweisen auf:
Bü = Bücher (siehe Index-Band 2893)
F 1/1 ff. = siehe Ablieferungsliste von 1973 (Nr. 2896)
Ziffernfolgen 1 ff (auch mit nachfolgenden römischen Zahlen) beziehen sich auf die Dittmerschen Indices 2891-2893
Da häufig die ursprünglichen Aktenumschläge Dittmers fehlten, können die alten Signaturen nicht immer angegeben werden. Ein direkter Blick in die Dittmerschen Indices empfiehlt sich in solchen Fällen.

Lübeck, im Sommer 2013 Antjekathrin Graßmann

Literatur

Georg Wilhelm Dittmer, Geschichte und Verfassung des St. Johannis-Jungfrauen-Klosters. Lübeck 1825.
Georg Fink, Lübecks Stadtgebiet (Geschichte und Rechtsverhältnisse im Überblick), in: Städtewesen und Bürgertum als geschichtliche Kräfte. Gedächtnisschrift für Fritz Rörig. Lübeck 1953, S. 278-281.
Antjekathrin Graßmann, Lübeck St. Johannis, in: Germania Benedictina Bd. XII. St. Ottilien 1994 (in absehbarer Zeit wird ein überarbeiteter und ergänzter Artikel im Schleswig-Holsteinischen Klosterbuch erscheinen).
Dies.: Eine Art evangelisches weibliches Mönchtum? Das St. Johannis-Jungfrauenkloster in nachreformatorischer Zeit, in: Zeitschrift für Lübeckische Geschichte 91 (2011), S. 89-121.
Dies.: Vom verwunschenen Klostergrundstück zum begehrten "Filetstück" der Lübecker Stadtplanung. Bemerkungen zur Entwicklung des St. Johannis-Jungfrauenklosters auf der Ostseite Lübecks 1800-1900, in: ebd. 92 (2012), S. 239-245.
Zeitraum von: 1404
Zeitraum bis: 1960
Inhalt: Urkunden siehe Sacra B 2

Aus vorreformatorischer Zeit: Copiar; Verfassung; Rechtstreitigkeiten mit der Stadt Lübeck; Klosterbeamte; Konventualinnen; Akten (Gerichtssachen, Schulsachen, Hausbriefe, Grenzangelegenheiten, Kirchensachen, Gewerbeangelegenheiten, Mühlensachen u.s.w.) über die Dörfer (heutige Stadtteile von Lübeck): Beidendorf, Blankensee, Dummersdorf, Herrenwyk, Kücknitz, Pöppendorf, Rönnau, Wulfsdorf, Siems, Teutendorf, die Dörfer in Mecklenburg Schattin und Utecht und die Dörfer im heutigen Kreis Ostholstein Wilmsdorf, Bentfeld, Böbs, Dazendorf, Heringsdorf, Kaköhl, Kembs, Klotzin, Küstorf, Rellin, Schwinkenrade, Schwochel, Sülsdorf; Einnahmen und Ausgaben des Klosters; Forstsachen
Erschließungszustand/Umfang: Findbuch (1822), Verzeichnis (1973), ungeordnetes Material
36 lfm
Benutzungsbeschränkung: nur teilweise benutzbar, da noch nicht alle Unterlagen geordnet sind
Verwandte Bestände: Urkunden Sacra B 2, ASA Ecclesiastica, Centralarmendeputation, NSA X
Literaturhinweis: Georg Wilhelm Dittmer, Geschichte und Verfassung des St. Johannis-Jungfrauen-Klosters, Lübeck 1825; Wolfgang Prange, Der Besitz des Johannisklosters im Jahre 1531, in: ZVLGA 65, 1985, S. 315-326; Antjekathrin Graßmann, Lübeck, St. Johannis, in: Germania Benedictina Bd. XII., St. Ottilien 1994; Die Männer- und Frauenklöster der Zisterzienser in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg, bearb. von Ulrich Faust, Germania Benedictina Bd. XII., St. Ottillien 1994; BuKdHL IV, 1928, S. 3-34.
Verwaltungsgeschichte: a. Das Johannis-Jungfrauen-Kloster wurde 1177 als Benediktinerkloster für Mönche und Nonnen gegründet. Nach vergeblichen Reformversuchen wurden 1245 die Mönche in das neueinzurichtende Kloster Cismar versetzt, die Nonnen - nach der Zisterzienser-Regel lebend - blieben in Lübeck. Die Leitung des Klosters wurde von der Äbtissin ausgeführt, die von den Nonnen gewählt wurde. Im Mittelalter erwarb das Kloster verschiedene Dorfschaften im heutigen Stadtgebiet von Lübeck, in Ostholstein und im heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Die Bauern waren dem Kloster abgabepflichtig. Bei der Äbtissin lag die Rechtsprechung über die Eingesessenen. Nach der Reformation blieb das Kloster als Stift für ledige Frauen bestehen. Die Äbtissin wurde jetzt vom Rat gewählt. Vorsteher des Stifts waren die beiden ältesten Bürgermeister der Stadt. Sonst war das Kloster relativ unabhängig. Diese Qualität verlor das Kloster mit dem Reichsdeputationshauptschluß 1803. Obervorsteher waren die Bürgermeister, die zusammen mit vier bürgerlichen Deputierten die Vorsteherschaft bildeten. Eine Äbtissin wurde nicht mehr ernannt. Seit 1815 nahm das Landgericht die Rechtsprechung wahr. Das Kloster wurde als städtische soziale Einrichtung geführt, die Besitzungen durch klösterliche Beamte geleitet. Auch die Besitzungen in Mecklenburg gingen verloren. Nur die Dörfer Schattin und Utecht, die erst 1937 durch das Groß-Hamburg-Gesetz an Mecklenburg fielen, verblieben unter Lübeckischer Hoheit. Seit 1866 verkaufte das Kloster allmählich seinen Grundbesitz und löste auch seine Rechte in den Dörfern ab. Heute besitzt es nur noch einzelne Grundstücke und umfangreichen Forstbesitz. Die Klostergebäude wurden 1805 und 1806 abgerissen. 1903/04 errichtete man den noch vorhandenen Neubau für 43 Damen sowie das Johanneum, in das Teile des Refektoriumsgebäudes integriert wurden. Das Vermögen des St.Johannis-Jungfrauen-Klosters, heute ein städtisches Altersheim, wird durch die Hansestadt Lübeck verwaltet.

b. Die Akten und Urkunden befanden sich seit dem Mittelalter in den Klostergebäuden. 1759 wurde die Registratur, die Archiv genannt wurde, zum ersten Mal neu geordnet und verzeichnet. 1821 wurde Georg Wilhelm Dittmer als Archivar für das Kloster und den Klemens Kaland angestellt. Das Archiv bekam neue Räumlichkeiten in der ehemaligen Wohnung des Küsters. Die Akten wurden neu geordnet, entstehende Akten wurden bis 1874 eingegliedert. Dann wurden die Akten, Amtsbücher und Urkunden an das Archiv der Hansestadt Lübeck übergeben (auch Akten, die in den Justitiariaten für die Dörfer entstanden sind). Die Urkunden wurden von den Akten und Amtsbüchern getrennt in der Urkundenabteilung Sacra B eingeordnet. Weitere Akten des Klosters kamen 1909 zusammen mit Akten des Heilig-Geist-Hospitals an das Archiv. 1942 wurden die Akten und Urkunden ausgelagert und kamen 1987/90 nach Lübeck zurück. 1973 waren Akten von der Stiftungsverwaltung übergeben worden.




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